Andachten alt

Pfarrerin Christiane Birgden aus dem Gemeindebrief 2-2018

 

Osterpredigt
am Krankenbett

Gott will,
dass wir leben!

 

In der Regel ist es ja so, dass die Pfarrerin oder der Pfarrer der Gemeinde predigt. Sonntags auf der Kanzel. So kennt man das. Manchmal ist das aber auch umgekehrt, da predigt die Gemeinde dem Pfarrer oder der Pfarrerin, und das ist gut so, denn nach Luther ist jeder Christ, jede Christin zum Zeugnis gerufen. Und das nicht nur in der Kirche oder im Gemeindekreis, sondern an jedem Ort. Wie damals, als ich im Rahmen meines Vikariats als Krankenhausseelsorgerin im Diakoniekrankenhaus in Bad Kreuznach eingesetzt war.

„Gehen Sie da mal hin“, hatte mir die Stationsschwester gesagt: „Totaloperation, 35 Jahre“. Als ich mich als Krankenhausseelsorgerin vorstellte, sagte sie, dass sie mit Kirche nichts zu tun habe.

Doch dann erzählte sie: Mit dem Kinderkriegen sei es nun vorbei. Ihr ganzer Unterleib sei vereitert gewesen, nicht erkannt. Von Arzt zu Arzt sei sie gegangen, doch immer als Mimose nach Hause geschickt worden. „Trinken Sie mal ´nen Kamillentee!“

Als sie ins Krankenhaus kam, sei es fast zu spät für sie gewesen, weil die Entzündung inzwischen die anderen Organe angegriffen hatte. Doch dann sei ihr der Satz gekommen, dass Gott ein Gott des Lebens sei und nicht des Todes. Dass Gott will, dass sie lebt.

An diesen Satz habe sie sich geklammert. Und er half ihr auch durch die Vielzahl der Operationen, die folgten. Dass Gott das Leben will und nicht den Tod, glauben Sie das?

Als sie das sagte, lachte sie verlegen, und hielt sich die Narbe auf ihrem Bauch, der noch von der OP angeschwollen war.

Es war kurz vor Ostern, als mir die junge Frau ihre Geschichte erzählte. Eine Geschichte von Tod und Leben. Von ihrem persönlichen Überleben und dem gleichzeitigen Sterben von Möglichkeiten und Lebensperspektiven. Dass Gott ein Gott des Lebens ist, dieser Satz ist mir von damals so eindrücklich hängen geblieben. Für mich fasst sie den Kern der Osterbotschaft zusammen:

Jesus lebt! Gott hat ihn von den Toten auferweckt. Und er will, dass wir auch leben. Schon jetzt!

 


 

Pfarrerin Uta Grieger-Jäger aus dem Gemeindebrief 1-2018

Grafik: ©t0m15/fotolia.com

 

VOM HIMMEL
HOCH

Die Himmelsbotschaft
im Lärm des Alltags heraushören

 

„Vom Himmel hoch“ kommt einiges auf uns herab. Da hören wir z.B. die freundliche Stimme des Navi: „Nach 100 Metern links abbiegen. Sie haben das Ziel erreicht.“ Über Satellit empfangen wir Sendungen von Sky-TV, Disney-Channel, ARD, ZDF, RTL und weiteren TV-Sendern, ganz zu schweigen von den vielen Angeboten der Smart- und I-Phones mit Unmengen von News und Fake-News.

Würde man all das, was uns über Satellit vom Himmel hoch angeboten wird, gleichzeitig hören, wir wären einem ohrenbetäubenden Lärm ausgesetzt: unmöglich darin eine Stimme zu hören, die uns eine Botschaft oder Nachricht übermitteln könnte.

Wer eifrig die Medien und sozialen Netzwerke nutzt, steht vor der fast unmöglichen Aufgabe, aus diesem Informationschaos für sich eine Botschaft herauszufiltern, die wirklich wichtig ist. Und um Fake-News von echten Nachrichten zu unterscheiden, muss man fast schon ein Medienprofi sein. Mit Himmelsbotschaften verschiedenster Art sind wir wirklich gut versorgt durch Satellit und unsere Empfangsgeräte hier auf der Erde.

Zur Weihnachtszeit schalten wir dann auf altbewährtere Himmelsbotschafter um. „Vom Himmel hoch“ kommen dann aus der religiösen Parallelwelt die Botschaften der Engel zu uns. Aus den schönen alten Kirchenliedern und in der sehr alten Bibel erreicht uns ihre Botschaft. Wir brauchen keine technischen Geräte, um die Botschaft der Engel zu empfangen. Auch legen sie wert auf eine persönliche Begegnung. Oft ist ihr Erscheinen mysteriös und löst deshalb zunächst einmal Angst aus.

Beruhigend beginnt dann ihre Botschaft mit den Worten: „Fürchte dich nicht!“ Im Matthäus-Evangelium wird berichtet, dass Maria schon in ihrer Verlobungszeit schwanger wurde. Wegen dieser „Schande“ wollte Joseph sie heimlich verlassen. Im Traum erscheint ihm ein Engel mit der Anrede: „Fürchte dich nicht!“ Er bestärkt Joseph darin, bei Maria zu bleiben, ihr Sohn werde der künftige Messias Israels sein.

Im Lukas-Evangelium spricht der Engel Gabriel Maria respektvoll und höflich an: „Sei gegrüßt, du Begnadete!“ Doch sie ist zunächst alles andere als erfreut über die Botschaft, dass sie die Mutter des göttlichen Kindes sein wird. Auf Marias Einwand, dass sie von keinem Mann wisse, verweist der Engel sie an ihre Verwandte Elisabeth, die in hohem Alter schwanger wurde. Seine Begründung: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich!“

Viele Himmelsbotschaften erreichen uns täglich auf technischem Wege. Eine unendliche Informationsflut macht es uns schwer, wirklich wichtige Botschaften für unser Leben zu erkennen. Diese Informationsflut macht es uns schwer auf die Himmelsboten Gottes zu hören. Ihre Stimme wird nicht aus dem All von Satelliten gesendet. Sie kommt aus dem Himmel Gottes: „Fürchtet euch nicht!“ So beginnt ihre Botschaft vom Anfang der Geschichte Gottes mit uns Menschen, die in der Person Jesu die Gestalt eines Menschen annimmt. Und diese Geschichte wird weitergehen. Jetzt und in Zukunft. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.

 


 

Pfarrerin mbA Franziska Boury aus dem Gemeindebrief 4-2017

Reformation feiern – Die Fülle des Lebens entdecken

Feiern gehört zum christlichen Leben dazu. Es ist der Ausdruck dafür, die Geschenke im Leben zu entdecken, zu genießen und in der Feier als Lob zu Gott zurückzuwerfen.

 

Foto: © lorabarra / fotolia.com

 

2017 – schon das ganze Jahr über kommt man am Bild von Martin Luther und dem Wort
„Reformationsjubiläum“ nicht vorbei. Aber „Wen“ oder „Was“ feiern wir eigentlich? Und können wir als Protestanten das überhaupt – ein Fest feiern? Wenn man den Klischees über Protestanten folgt, könnte man meinen, das Feiern gehört nicht dazu. Ich erinnere mich an ein Bild aus meiner Jugendzeit. Das Bild von den zwei Wegen. Der schmale, anstrengende Pfad, der sich steil in den Bergen windet und der von Verzicht und Demut begleitet wird. Er führt direkt zum Himmel. Und da ist der zweite Weg. Ein breiter Weg, gesäumt von Kneipen und anrüchigen Häusern, wo die Menschen tanzen und lustvoll ihr Leben genießen und der nicht in den Himmel führt. Ein Bild aus frommen protestantischen Häusern, das mir selbst als Pfarrerstochter fremd war, die ich selber gerne Karten spielte und in den Tanzunterricht ging. „Muss man sich jetzt für seinen Weg rechtfertigen?“, fragte ich mich als Jugendliche, wenn ich vor diesen Bildern stand.

Und damit sind wir schon bei dem Punkt „Was!“ und nicht „Wen“ wir in diesem Jubeljahr feiern. Denn es jährt sich nicht das Geburtsjahr Martin Luthers, sondern es jährt sich zum 500. Mal das Jahr, in welchem die 95 Thesen gegen den Ablasshandel von Martin Luther veröffentlicht wurden. Sie stießen den ersten Dominostein für die folgenden Ereignisse um. Wir feiern, was uns gerecht macht – woraus wir immer wieder unser Leben schöpfen. Nicht aus der Kirche, sondern durch Gottes Gnade, den Glauben an Gott, in der Erinnerung, wie Gott uns in Jesus Christus ganz nah gekommen ist, so wie wir Gottes Nähe und seine Lebensfülle für uns in der ganzen Heiligen Schrift entdecken können. Und das ist doch ein Grund zum Feiern, so wie wir auch alle anderen Feste des Lebens feiern im privaten und gemeindlichen Bereich, wie z.B. die Geburt eines Kindes – jeden Geburtstag, die besonderen Lebensstationen, wie die Konfirmation oder die Volljährigkeit, Feste der Gemeinschaft durch Gemeindefeste und ähnliches und die Hochzeiten von zwei Menschen, die zueinander finden.

Und natürlich können wir diese Lebensfreude – von Gott geschenkte Lebensfülle feiern, wie in dem von Martin Luther hochgeschätzten Johannesevangelium. Dort wird im zweiten Kapitel von der Hochzeit in Kana erzählt. Es ist das erste öffentliche Wirken Jesu in diesem Evangelium – und das erste Wirken beginnt mit einem Fest. Die Menschen feiern das Leben und die Liebe und die Zukunft. Und in diese Feier hinein wirkt Jesus ein Geschenkwunder, als er das Wasser zu Wein verwandelt. Es ist ein Wunder, das unser menschliches Sehnen nach Leben ernst nimmt. Es ernst nimmt mit unserer Angst, unseren Sorgen, dass wir nicht genug haben könnten. Es ist ein Wunder, das um die Begrenzung des Lebens weiß. Und in die Erfahrung der Begrenzung hinein – der Wein geht aus, hoffentlich leidet das Fest nicht darunter – gibt es dieses Geschenkwunder Jesu, der Überfülle. Es ist viel mehr an Wein da als nötig – es ist eine Überfülle an Leben für uns geschenkt.

Ich wünsche uns, dass wir in diesem Jubeljahr der Reformation und auch darüber hinaus immer wieder Anlässe finden, wo wir die Fülle des von Gott geschenkten Lebens entdecken und mit ihm feiern.

 


 

Pfarrerin mbA Franziska Boury aus dem Gemeindebrief 3-2017

 

Foto: © B-C-Designs / fotolia.com

 

Feuer und Flamme

Zusammen mit Gott
für die Liebe entbrennen

 

Sind Sie schon mal vor Leidenschaft für etwas entbrannt?
Für Ihre Frau – Ihren Mann;
Ihre Freundin – Ihren Freund;
Ihre Familie;
eine bestimmte Weinsorte oder ein bestimmtes Gericht;
eine bestimmte Sache,
ein Thema, das Sie nicht mehr losgelassen hat,
wo Sie drangeblieben sind – sich bis heute
engagieren;
für…?

Feuer und Flamme steht über diesem Gemeindebrief, der uns durch die Sommermonate begleitet. Das Feuer der Sonne wird uns hoffentlich häufig nach draußen locken und den Sommer genießen lassen.
In der Gemeinde waren und sind im Mai und im Juni die Konfirmationen.

Ob die Konfirmandinnen und Konfirmanden für Gott entbrannt sind – für die Gemeinde – ob sie dabeibleiben und in der Gemeinde präsent bleiben? So fragen wir Pfarrer/-innen uns oft oder werden von der Gemeinde gefragt.

Feuer und Flamme für etwas sein – etwas lieben – nicht nur für einen Augenblick – sondern länger anhaltend – unauslöschbar.

In der Bibel gibt es ein kleines Buch von acht Kapiteln, das eine Sammlung von Liebesgedichten enthält. Sie werden dem weisen König Salomo zugeschrieben. Über viele Jahrhunderte hinweg haben jüdische und christliche Gelehrte diese menschlichen Liebesdialoge und -verse so umgedeutet, dass sie für die Liebeserklärung des einen Gottes (bzw. dann Christus) an sein Volk (seine Kirche) stehen.

„Denn Liebe ist stark wie der Tod, und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig und eine gewaltige Flamme. Viele Wasser können die Liebe nicht auslöschen noch all die Ströme sie ertränken. Wenn einer alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte, würde man ihn verachten?“ (Die Bibel, Altes Testament, Hohelied, Kapitel 8, Verse 6b-7)

So heißt es im Hohelied Salomos. Die Liebe brennt, sie brennt so stark, so intensiv, dass sie durch nichts zu löschen ist. Und wir Menschen, wir sehnen uns nach so einer Liebe, die nicht nur kurz entflammt, sondern wie ein ewiges Feuer hält. Durch unsere Erfahrungen wissen wir, dass es mit an uns liegt, dieses Feuer weiter brennen zu lassen, ihm weiter Brennmaterial zu geben, damit das Feuer nicht erlischt. Aber auch kaufen kann man die Liebe nicht, denn es ist ein Gemeinschaftsprojekt – es erfordert den gemeinsamen Einsatz.

Durch die Umdeutung auf den einen Gott ist uns so eine Liebe schon geschenkt, unauslöschlich. Eine Liebe, die nicht erworben werden kann, die nicht käuflich ist. Kein Geben und Nehmen, sondern reines Geschenk.

So tief ist dieses Liebesbild zwischen Gott und Mensch verwurzelt, dass dieses Buch die Festrolle ist, welche zum Passahfest gelesen wird, zu dem Fest, an welchem erinnert wird, was Gott alles für sein Volk getan hat und das aus christlicher Perspektive eng mit dem Osterfest verbunden ist. Und so greift der Schreiber der Johannesbriefe dieses Liebesmotiv auf: „Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“
(Die Bibel, Neues Testament, 1. Johannesbrief, Kapitel 4, Vers 16b)

Diese Liebe, Gottes Liebe, soll die Grundlage für die christliche Gemeinschaft sein, soll uns antreiben, vorwärtstreiben, das ist die Stimme, die wir im Stimmengewirr von Pfingsten in allen Sprachen verstehen und die unsere Grundlage für alles weitere Handeln und Leben ist.

Gott, der Liebhaber der Menschen – ich finde dies einen wunderbaren Gedanken.
Lassen Sie sich von der Liebe Gottes in die Sommerzeit führen!

 

 


 

 

Pfarrerin Christiane Birgden aus dem Gemeindebrief 2-2017

Cover: Edition Chrismon

 

Augenblick mal

Nicht zu schnell urteilen

 

„Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll! Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist Not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.“
(Die Bibel, Lukasevangelium, Kapitel 10, Verse 38-42)

„Lass doch liegen, kannste doch später machen!“ Offen gestanden habe ich mich schon als Kind an dieser Geschichte gestoßen, vor allem an der Lösung, die Jesus findet, nun ja: verordnet. Schöner hätte ich es gefunden, wenn Jesus gesagt hätte: „Stimmt, da haste auch recht, Marta, lass uns jetzt gemeinsam schnibbeln und uns dann gemütlich hinsetzen!“. Das wäre mein Jesus gewesen.

Später hörte ich dann, dass Jesus jedem gibt, was er braucht. Und Martha braucht eben mal ‘ne Pause.

Doch Augenblick mal! Ich gehe an der Spree entlang in Richtung Dom, dort ist unser Hörsaal. Neben mir die berühmte feministische Theologin Elisabeth Schüssler-Fiorenza. Sie hat dieses Semester eine Gastprofessur bei uns in Berlin und sieht so ganz anders aus, als ich sie mir vorgestellt habe. Eigentlich wie eine liebe Oma. „Sie werden nicht jeden Text retten können“, sagt sie. Und dann erfahre ich, dass dieser Text aus der Zeit stammt, in der Frauen zunehmend aus den Leitungsämtern der frühen Kirche herausgedrängt werden. Besonders Martha, die, wenn man hinschaut, ziemlich parallel zu Petrus aufgebaut ist: Wie er erkennt sie in Jesus den Christus, den Messias. Später wird erzählt, dass sie „bei Tisch diente“, also die Abendmahlsfeier anleitete. Vermutlich war sie die Leiterin einer Hauskirche. Das war einigen zu viel. Vor allem, als der Druck durch die römische Besatzung spürbarer wurde. „Also, liebe Martha, sitzen, schweigen und den Männern lauschen!“ – so war‘s dann lange Zeit in der Kirche.

Zunächst hatte ich Angst, dass ich Bibeltexte durch ihre Betrachtung im zeitgeschichtlichen Kontext verlieren würde, aber im Falle von Martha habe ich ihn gewonnen. Vor allem Martha als Identifikationsfigur, denn das, was sie erlebt hat, ist auch heute noch aktuell. Also, Augenblick mal!