Andachten

Diakon i.R. Helmut Werner aus dem Gemeindebrief 3-2018

 

GEDANKEN
NICHT NUR FÜR DEN URLAUB

„Nähme ich Flügel der Morgenröte
und bliebe am äußersten Meer …“ Psalm 139,9:

 

… so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“ (Die Bibel, Altes Testament, Psalm 139,9.10)

In den Zeiten, in denen viele von uns jährlich mehrfach in einen Flieger steigen, um über der Morgenröte, über den Wolken in entlegene Urlaubsgebiete zu fliegen, wirken diese Psalmworte schon fast überholt – und doch gleichzeitig wieder tröstlich. Denn sie verweisen uns auf unsere Gottesbegegnung selbst am weitest entfernten Horizont, den wir uns vorstellen können.

Der Verfasser dieses Psalms kannte keine Flugzeuge und hatte nicht den Hauch einer Ahnung, wie weit der Pazifische Ozean sein könnte. Aber er hatte ein Gespür dafür, wie es ist, wenn es einen ganz weit weg verschlägt. Weit weg von der Heimat, von dem was man kennt und liebt, oder auch weit weg von dem, was man als geistige Heimat kennt.

Nicht wenige Flüchtlinge fühlen sich so. Da ist man ganz schnell allein und verlassen – und sehnt sich nach einem vertrauten Gegenüber, einem „Du”, mit dem man über seine Gedanken und Gefühle sprechen kann. Diese Erfahrung machen wir und sicher auch viele andere, die Flüchtlinge eine Zeitlang begleiten.

Die Worte des Psalms gelten aber natürlich nicht nur Flüchtlingen. Ob jemand gerade im Ausland im Urlaub ist oder innerhalb Deutschlands unterwegs oder nur ein Dorf weiter am PC diese Zeilen liest – er ist wie ich von Gott begleitet. Dieses zuversichtliche Gebet verbindet uns alle als Glaubensgemeinschaft untereinander.

Der Psalmbeter wendet sich aber auch an die, die manchmal vor Gott fliehen wollen, weil sie ihn satt haben. Weil sie keine Chance haben, das Leben zu verstehen und an ihrem Gottesbild verzweifeln. Und er sagt: „Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.“ Und dann folgen die schon erwähnten Verse: „Nähme ich
Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“

Die Flucht vor Gott ist also nicht erfolgversprechend, aber eben auch nicht nötig – denn Gott ist als das Licht des Lebens, der Fels in der Brandung – überall.

Mit diesem Vertrauen im Gepäck kann man sich aufmachen in die Weiten dieses Lebens. Auf die Ozeane, in die Wüsten, in die pulsierenden Zentren der Welt und in die Turbulenzen unseres inneren Lebens.

Vielleicht werden unsere Kinder oder Enkelkinder ja tatsächlich einmal auf der anderen Seite des Globus ihre Heimat finden. So dass wir gerade noch durchs Internet mit ihnen in Kontakt stehen können und spüren, dass sie dort ein ganz anderes Leben führen, als wir hier in Hürth;
aber doch ist unser gemeinsamer Gott an ihrer Seite.
Vielleicht werden sie einmal mit ihrer Sicht der Welt und ihren Werten ganz woanders landen als wir. Aber auch dann dürfen wir uns sagen lassen, dass auch dort
Gottes Hand sie führen und seine Rechte
sie halten wird.

Was auch geschieht, für alle gilt diese starke Erkenntnis: Du, Gott, bist da! Wo immer ich bin. Wenn ich dir weggelaufen bin – du bist da. Wenn ich in die Sackgasse geraten bin – du bist da. Wenn ich mich verlaufen habe – du bist da. Wenn ich mich versündigt habe – du bist da. Wenn nichts mehr geht – du bist da. Im Operationssaal – du bist da. Im Gerichtssaal – du bist da. Du wirbst um uns, bis wir zur Besinnung kommen, bis wir dich suchen und uns deiner Zärtlichkeit endlich überlassen.