Andachten

Pfarrerin mbA Franziska Boury aus dem Gemeindebrief 4-2017

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Reformation feiern
Die Fülle des Lebens entdecken

Feiern gehört zum christlichen Leben dazu.
Es ist der Ausdruck dafür, die Geschenke im Leben zu entdecken, zu genießen und in der Feier als Lob zu Gott zurückzuwerfen.

 

017 – schon das ganze Jahr über kommt man am Bild von Martin Luther und dem Wort
„Reformationsjubiläum“ nicht vorbei. Aber „Wen“ oder „Was“ feiern wir eigentlich? Und können wir als Protestanten das überhaupt – ein Fest feiern? Wenn man den Klischees über Protestanten folgt, könnte man meinen, das Feiern gehört nicht dazu. Ich erinnere mich an ein Bild aus meiner Jugendzeit. Das Bild von den zwei Wegen. Der schmale, anstrengende Pfad, der sich steil in den Bergen windet und der von Verzicht und Demut begleitet wird. Er führt direkt zum Himmel. Und da ist der zweite Weg. Ein breiter Weg, gesäumt von Kneipen und anrüchigen Häusern, wo die Menschen tanzen und lustvoll ihr Leben genießen und der nicht in den Himmel führt. Ein Bild aus frommen protestantischen Häusern, das mir selbst als Pfarrerstochter fremd war, die ich selber gerne Karten spielte und in den Tanzunterricht ging. „Muss man sich jetzt für seinen Weg rechtfertigen?“, fragte ich mich als Jugendliche, wenn ich vor diesen Bildern stand.

Und damit sind wir schon bei dem Punkt „Was!“ und nicht „Wen“ wir in diesem Jubeljahr feiern. Denn es jährt sich nicht das Geburtsjahr Martin Luthers, sondern es jährt sich zum 500. Mal das Jahr, in welchem die 95 Thesen gegen den Ablasshandel von Martin Luther veröffentlicht wurden. Sie stießen den ersten Dominostein für die folgenden Ereignisse um. Wir feiern, was uns gerecht macht – woraus wir immer wieder unser Leben schöpfen. Nicht aus der Kirche, sondern durch Gottes Gnade, den Glauben an Gott, in der Erinnerung, wie Gott uns in Jesus Christus ganz nah gekommen ist, so wie wir Gottes Nähe und seine Lebensfülle für uns in der ganzen Heiligen Schrift entdecken können. Und das ist doch ein Grund zum Feiern, so wie wir auch alle anderen Feste des Lebens feiern im privaten und gemeindlichen Bereich, wie z.B. die Geburt eines Kindes – jeden Geburtstag, die besonderen Lebensstationen, wie die Konfirmation oder die Volljährigkeit, Feste der Gemeinschaft durch Gemeindefeste und ähnliches und die Hochzeiten von zwei Menschen, die zueinander finden.

Und natürlich können wir diese Lebensfreude – von Gott geschenkte Lebensfülle feiern, wie in dem von Martin Luther hochgeschätzten Johannesevangelium. Dort wird im zweiten Kapitel von der Hochzeit in Kana erzählt. Es ist das erste öffentliche Wirken Jesu in diesem Evangelium – und das erste Wirken beginnt mit einem Fest. Die Menschen feiern das Leben und die Liebe und die Zukunft. Und in diese Feier hinein wirkt Jesus ein Geschenkwunder, als er das Wasser zu Wein verwandelt. Es ist ein Wunder, das unser menschliches Sehnen nach Leben ernst nimmt. Es ernst nimmt mit unserer Angst, unseren Sorgen, dass wir nicht genug haben könnten. Es ist ein Wunder, das um die Begrenzung des Lebens weiß. Und in die Erfahrung der Begrenzung hinein – der Wein geht aus, hoffentlich leidet das Fest nicht darunter – gibt es dieses Geschenkwunder Jesu, der Überfülle. Es ist viel mehr an Wein da als nötig – es ist eine Überfülle an Leben für uns geschenkt.

Ich wünsche uns, dass wir in diesem Jubeljahr der Reformation und auch darüber hinaus immer wieder Anlässe finden, wo wir die Fülle des von Gott geschenkten Lebens entdecken und mit ihm feiern.